Forschungseinheit Wissenschaftliches Lehren und Lernen

Problematiken und Forschungsschwerpunkte

Im Zuge der Harmonisierung der Pflichtschullehrpläne in der Romandie wurden die wissenschaftlichen Schulfächer, zu denen die Naturwissenschaften, die Ingenieurwissenschaften (Technologie), die Humanwissenschaften (Geografie, Geschichte und Sozialkunde) und die Mathematik zählen, im Hinblick auf Zweck, Inhalte und Unterrichts- und Lernmodalitäten starken Veränderungen unterzogen. Der kürzlich eingeführte Plan d’études romand (PER) stellt mit seinen verschiedenen Ausrichtungen die Fachdidaktiken vor neue Herausforderungen: Wissenschaftlichen Untersuchungsansätzen wird der grösste Stellenwert eingeräumt; durch integrative pädagogische Ansätze soll das Schulwissen aus den einzelnen Fächern miteinander in Verbindung gebracht werden; es werden fünf horizontale Lernthemen eingeführt (im PER als Allgemeinbildung bezeichnet), die systematisch in allen Fächern behandelt werden müssen und den Schulen Offenheit für die komplexen Problematiken des Lebens bringen sollen. Darüber hinaus zählen Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) und Staatskunde zu den im PER genannten Hauptbildungszielen. Dies bringt in allen Schulfächern – insbesondere in den wissenschaftlichen – eine neue Ausrichtung des gesamten Schulbildungsprojekts mit sich. Die von diesen Curriculum-Änderungen aufgeworfenen soziopädagogischen Fragen betreffen nicht nur die Schweiz, sondern sind Themen, die die derzeitigen Reformen auch auf internationaler Ebene begleiten. Die neue Ausrichtung hat grosse Auswirkungen auf die im Lehrmaterial angeführten Unterrichts- und Lernmethoden sowie auf die Unterrichtspraxis in der Schulklasse; beide sind daher in der pädagogischen Forschung als zu bevorzugende Themen zu erachten. Die Arbeiten des Forschungs- und Ausbildnerteams der Einheit sind daher dieser Problematik gewidmet und konzentrieren sich auf wissenschaftliche Untersuchungsmethoden und integrative pädagogische Ansätze zur Schulbildung auf Primarstufe. Dies entspricht der Problematik des Centre de recherche sur l’enseignement des sciences de l’Université de Sherbrooke (CREAS – Forschungszentrum für den Unterricht in wissenschaftlichen Fächern der kanadischen Universität Sherbrooke), mit dem die Einheit eng zusammenarbeitet.

Aus dieser Problematik ergeben sich die drei wichtigsten Schwerpunkte der Forschungseinheit.

Forschungsschwerpunkt 1: Analyse der Grundlagen, des Zwecks und der Modalitäten bei der Umsetzung wissenschaftlicher Untersuchungsmethoden und integrativer pädagogischer Ansätze

Dieser Forschungsschwerpunkt zielt darauf ab, die Grundlagen, den Zweck und die Modalitäten bei der Umsetzung wissenschaftlicher Untersuchungsmethoden und integrativer pädagogischer Ansätze aus der wissenschaftlichen Dokumentation herauszuarbeiten. In der Schule zählen wissenschaftliche Untersuchungsansätze (z. B. experimentelle Methoden, Modellierung, Analyse und Design von technischen Objekten, historische und induktive Ansätze etc.) in den wissenschaftlichen Fächern zu den grundlegenden Unterrichts- und Lernkomponenten. Diese Ansätze und Methoden stehen aber in enger Verbindung mit bestimmten integrativen pädagogischen Ansätzen wie beispielsweise der Interdisziplinarität, dem projektweisen Ansatz, dem BNE-Ansatz oder der soziowissenschaftlichen Debatte. Es geht hier darum, dass in dem Beitrag, den diese Methoden und Ansätze zur Schulbildung leisten, Potenzial steckt für den Auftrag der staatlichen Schulen im Hinblick auf Anleitung, Bildung und Übermittlung kultureller und sozialer Werte und es dieses Potenzial zu verstehen gilt. Neben Erkenntnissen über die Entwicklungs- und Bildungsaktivitäten soll dieser Forschungsschwerpunkt die Entwicklung eines konzeptionellen und methodologischen Rahmens liefern für die Analyse von Lehrmaterial (Forschungsschwerpunkt 2) und für die Unterrichtspraxis in der Schulklasse (Forschungsschwerpunkt 3).

Forschungsschwerpunkt 2: Analyse des Lehrmaterials im Hinblick auf die wissenschaftlichen Untersuchungsmethoden und integrativen pädagogischen Ansätze

Dieser Forschungsschwerpunkt beinhaltet die zu Forschungsschwerpunkt 1 genannten Untersuchungsgegenstände und widmet sich insbesondere der Art, wie die wissenschaftlichen Untersuchungsmethoden und integrativen pädagogischen Ansätze in den von den Lehrkräften verwendeten Lehrmaterialien dargestellt sind. Zu diesen Lehrmaterialien zählen das beschreibende Material (z. B. offizielle Lehrpläne, Erziehungspolitiken) sowie das von den offiziellen Instanzen und Bildungsanstalten empfohlene Begleitmaterial (z. B. Unterrichtsmethoden, Leitlinien für den Unterricht etc.).

Forschungsschwerpunkt 3: Analyse der Unterrichtspraxis im Hinblick auf die wissenschaftlichen Untersuchungsmethoden und integrativen pädagogischen Ansätze

Dieser Forschungsschwerpunkt umfasst die Untersuchungsgegenstände des Forschungsschwerpunkts 1 und beschäftigt sich damit, wie die zukünftigen Lehrerinnen und Lehrer als Hauptakteure die wissenschaftlichen Untersuchungsmethoden und integrativen pädagogischen Ansätze auf Primarstufe interpretieren und umsetzen. Die im Rahmen dieses Forschungsschwerpunkts durchgeführten Arbeiten zielen auf die Modellierung der Unterrichtspraxis in Bezug auf das Lernen der Schüler ab und sollen auf verschiedenen Analysestufen (Makro-, Meso-, Mikroebene) die Unterrichtspraxis in ihrer Mehrdimensionalität begreifen (Kontext, Geschichte, Curriculum, Epistemologie, Funktionalität, Betrieb, Organisation, soziale Affektivität, Moral und Ethik, Psychopädagogik).